Griechisches und römisches Erbe in Alexandria: Was noch steht und wie man es sieht
Alexandria war einst die wichtigste Stadt im östlichen Mittelmeer. Gegründet von Alexander dem Großen, unter den Ptolemäern weiterentwickelt und später ins Römische Reich eingegliedert — hier trafen griechische Philosophie auf ägyptische Religion, römische Ingenieurskunst auf afrikanische Handelsrouten. Die Große Bibliothek. Der Leuchtturm, der zu den Sieben Weltwundern der Antike zählte. Der Serapis-Tempel. All das existiert heute nicht mehr in seiner ursprünglichen Form. Erdbeben, ein steigender Meeresspiegel und Jahrhunderte von Stadtentwicklung direkt über den Ruinen haben den Großteil der einstigen Bausubstanz vernichtet.
Was übrig geblieben ist, ist fragmentarisch. Eine Säule hier, ein unterirdisches Grab dort, ein Mosaikboden in einer römischen Villa. Doch diese Fragmente haben eine Eigenschaft, die schwer in Worte zu fassen ist — sie an ihrem ursprünglichen Ort zu sehen, in der Stadt, für die sie einst errichtet wurden, wirkt anders als in einem Museumssaal tausende Kilometer entfernt. Dieser Leitfaden behandelt die Stätten, die man tatsächlich besuchen kann, und einige, die man nicht kann, von denen man aber wissen sollte.
Die Stätten, die man besuchen kann
Katakomben von Kom el Shoqafa
Dies ist die bedeutendste griechisch-römische Stätte in Alexandria, und das mit Abstand. Entdeckt durch Zufall — der Überlieferung nach fiel ein Esel durch ein Loch im Boden — handelt es sich um einen mehrstöckigen unterirdischen Grabkomplex, der in den Fels gehauen wurde und in die römische Kaiserzeit datiert.
Was die Katakombe besonders macht, ist die optische Durchmischung verschiedener Kulturen. Man steigt eine Wendeltreppe hinab, an Statuen im ägyptischen Stil mit römischer Kleidung und griechischen architektonischen Details vorbei. Die Hauptgrabkammer zeigt eine Verschmelzung von ägyptischer, griechischer und römischer Bestattungskunst, die man so nirgendwo sonst findet. Anubis etwa im römischen Militärgewand. Die drei Ebenen gehen tief, die unterste ist jedoch meist geflutet und nicht zugänglich.
Praktisch gesehen: Der Komplex liegt im Stadtteil Karmouz, westlich des Stadtzentrums. Man klettert eine kreisrunde Treppe hinab — für Menschen mit Einschränkungen in der Beweglichkeit weniger geeignet. Unten wird es feucht. Etwa 45 Minuten bis eine Stunde sollte man einplanen. Wer die Säule des Pompeius mit einbezieht — und das sollte man, denn die beiden Stätten sind nur einen kurzen Fußweg voneinander entfernt — braucht für diesen Teil der Stadt einen halben Tag.
Die Säule des Pompeius und das Serapeum
Die Säule des Pompeius ist das höchste noch stehende antike Monument in Alexandria. Eine einzelne rote Granitsäule von etwa 26 Metern Höhe, aus Assuan-Granit gefertigt. Der Name stimmt nicht. Die Säule hat nichts mit Pompeius zu tun. Sie wurde zu Ehren des römischen Kaisers Diokletian errichtet, doch die falsche Bezeichnung hat sich gehalten, und daran wird sich vermutlich nichts mehr ändern.
Die Säule allein ist bereits beeindruckend, aber die eigentliche Geschichte spielt sich unter ihr ab: auf den Resten des Serapeums, einst des prächtigsten Tempels von Alexandria. Das Serapeum war Serapis geweiht, einem Mischgott, den die Ptolemäer schufen, um griechische und ägyptische Religion miteinander zu verbinden. Der Tempelkomplex umfasste Bibliotheken, Hörsäle und Schreine — im Grunde ein religiöses und intellektuelles Zentrum. Heute bleiben die Plattform, einige unterirdische Gänge, verstreute Steinfragmente und eben die Säule.
Die Anlage liegt auf einem Hügel, und bei klarer Sicht sieht man von oben das Meer. Fünf Minuten zu Fuß von den Katakomben entfernt. Zusammen bilden die beiden Stätten den Kern jedes griechisch-römischen Tages in Alexandria.
Römisches Theater und Kom el Dikka
Mitten in der Stadt liegt die archäologische Zone Kom el Dikka. Die Hauptattraktion ist ein kleines römisches Theater — kein riesiges Amphitheater, sondern ein kompakter Aufführungsraum mit Marmorsitzreihen für etwa 600 bis 800 Personen. Gedacht war er vermutlich für Konzerte und Lesungen, nicht für Gladiatorenkämpfe.
Kom el Dikka bietet jedoch mehr als das Theater allein. Zur Anlage gehören die Reste römischer Thermen, ein Wohnviertel mit mehreren Villen und insbesondere die sogenannte Villa der Vögel, ein römisches Haus mit gut erhaltenen Mosaikböden, die Vögel darstellen. Außerdem gibt es Hörsäle, die einige Forscher mit einer antiken Bildungseinrichtung in Verbindung bringen, möglicherweise mit der intellektuellen Tradition der Bibliothek von Alexandria.
Kom el Dikka liegt im Stadtzentrum und ist leicht zu erreichen. Gut kombinieren lässt es sich mit dem Griechisch-Römischen Museum. Etwa eine Stunde sollte man dafür einplanen.
Das Griechisch-Römische Museum
Nach einer langjährigen Renovierung ist dieses Museum wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Es ist das einzige Museum in Ägypten, das sich ausschließlich der griechischen und römischen Epoche widmet. Die Sammlung umfasst mehr als 40.000 Objekte — Skulpturen, Mosaike, Münzen, Keramik und Alltagsgegenstände aus Jahrhunderten griechisch-römischen Lebens in Alexandria.
Wer den Kontext für alles braucht, was er auf den Freianlagen gesehen hat, findet ihn hier. Die Ausstellungen decken die ptolemäische Zeit über die römische Ära bis in die frühbyzantinische Periode ab. Statuen griechischer Götter, römischer Kaiser und ägyptischer Gottheiten stehen nebeneinander — im Grunde die Geschichte von Alexandria im Kleinen.
Das Museum befindet sich in der Al-Mathaf-Straße im Stadtzentrum und ist täglich geöffnet. Eine bis zwei Stunden, je nachdem, wie ausführlich man die Schilder liest.
Das Nationalmuseum von Alexandria
Dieses Museum bietet einen breiteren Überblick und deckt die pharaonische, griechisch-römische, koptische und islamische Periode ab. Wer nur Zeit für ein einziges Museum hat, bekommt hier den gesamten Bogen der alexandrinischen Geschichte, nicht nur das griechisch-römische Kapitel. Die entsprechende Abteilung ist gut bestückt mit einer soliden Sammlung an Skulpturen und Artefakten aus ptolemäischer und römischer Zeit. Untergebracht ist das Museum in einem ehemaligen Palast an der Corniche — ein schönes Gebäude.
Wer sich gezielt für das griechisch-römische Erbe interessiert, ist im Griechisch-Römischen Museum besser aufgehoben. Für den großen Überblick lohnt sich jedoch ein Besuch hier.
Die Stätten, die man nicht besuchen kann
Zum Verständnis des griechisch-römischen Erbes von Alexandria gehört auch die Akzeptanz, dass die wichtigsten Bauwerke nicht mehr existieren. Die Stadt wurde an einer Küstenlinie errichtet, die sich über die Jahrhunderte verschoben hat. Teile der antiken Stadt liegen heute unter Wasser, andere unter modernen Gebäuden. Zwei Stätten verdienen Erwähnung, auch wenn man sie nicht begehen kann.
Die Große Bibliothek von Alexandria war einst die größte Bibliothek der antiken Welt mit Hunderttausenden von Schriftrollen. Sie wurde allmählich über Jahrhunderte hinweg zerstört — nicht in einem einzigen dramatischen Brand, wie es oft erzählt wird. Von der originalen Bibliothek ist physisch nichts erhalten. Die moderne Bibliotheca Alexandrina ist ein architektonisch interessanter Neubau, der von der ursprünglichen Bibliothek inspiriert wurde, aber weder auf demselben Grundstück steht noch originale Bestände enthält. Mehr zum Besuch der modernen Bibliothek findet sich im Leitfaden zu Sehenswürdigkeiten in Alexandria.
Der Pharos-Leuchtturm zählte zu den Sieben Weltwundern der Antike und stand auf der östlichen Spitze der Pharos-Insel, wo heute die Qaitbay-Zitadelle thront. Erdbeben haben den Leuchtturm zum Einsturz gebracht, und einige seiner Steinblöcke wurden vermutlich in die Mauern der Zitadelle eingebaut. Die Zitadelle selbst ist einen Besuch wert — Details dazu im ausführlichen Leitfaden zur Qaitbay-Zitadelle.
Was unter Wasser liegt
Ein beträchtlicher Teil des antiken Alexandriens liegt auf dem Grund des Hafens. Der französische Archäologe Franck Goddio und sein Team erforschen den östlichen Hafen und haben Säulen, Sphinx-Statuen sowie die mutmaßlichen Reste von Kleopatras Palast und den königlichen Quartieren freigelegt. Einige dieser Funde sind im Griechisch-Römischen Museum ausgestellt. Für Taucher gibt es gelegentlich organisierte Tauchgänge zu den Unterwasserstätten. Wer nicht taucht, kommt den Funden am ehesten über die Museumsausstellung und Dokumentaraufnahmen nahe.
Einen griechisch-römischen Tag in Alexandria planen
Die Stätten lassen sich geografisch gut gruppieren, was die Planung vereinfacht.
Westlicher Schwerpunkt (halber Tag): Katakomben von Kom el Shoqafa und Säule des Pompeius beziehungsweise Serapeum. Die beiden liegen im Stadtteil Karmouz in Gehweite zueinander. Wer noch Zeit hat, kann das Griechisch-Römische Museum einbauen — es liegt wieder in Richtung Zentrum.
Zentraler Schwerpunkt (halber Tag): Kom el Dikka mit römischem Theater und Villa der Vögel, plus Griechisch-Römisches Museum. Beide liegen im Stadtzentrum nah beieinander.
Beide Schwerpunkte an einem Tag zu schaffen ist machbar, aber viel. Früh aufstehen, zwischendurch etwas essen und realistisch bleiben, was die Museums-Müdigkeit angeht.
Praktische Hinweise
Jede Stätte hat einen separaten Eintrittspreis. Die Kosten bewegen sich meist zwischen 50 und 150 EGP pro Stätte — allerdings variieren die Preise und können sich ändern. Vor dem Besuch am besten die aktuellen Gebühren prüfen.
Die Katakombe und Kom el Dikka profitieren enorm von einer Führung. Schilder gibt es zwar, doch sie erzählen nicht immer die ganze Geschichte. Wer sich für die Geschichte und nicht nur für die Optik interessiert, sollte zumindest für die Katakombe einen Guide einplanen.
Die Freianlagen wie die Pompeiussäule und Kom el Dikka sind morgens angenehmer, bevor es zu heiß wird. In der Katakombe spielt die Temperatur kaum eine Rolle, da sie unterirdisch liegt. Die Museen sind klimatisiert.
Bequeme Schuhe sind unerlässlich. In der Katakombe gibt es Treppen und unebene Böden, Kom el Dikka hat Freiflächen mit Pflasterwegen.
Fotografie ist an den Freianlagen grundsätzlich erlaubt. In den Museen variieren die Regeln — am besten vorher nachfragen.
Diese Stätten passen gut zu einem Spaziergang durch die alten Viertel von Alexandria. Nach den römischen Resten lassen sich die umliegenden Nachbarschaften erkunden, Kaffee in einem historischen Café trinken oder an der Corniche entlang schlendern. Für Café-Empfehlungen gibt es den Leitfaden zu den besten Cafés in Alexandria. Für Abendpläne empfiehlt sich der Artikel Alexandria bei Nacht.
Für die weitere Reiseplanung: Unterkünfte in Alexandria, die beste Reisezeit für Alexandria und wie man von Kairo nach Alexandria kommt.